7. November 2006

London Calling: Die schwächelnde Bundesliga

Wer den Schaden hat, braucht sich über Spott nicht zu beklagen. Aber wenn es wenigstens Spott wäre, was die Londoner Times am 6. November zusammengekratzt hat, um die relative Schwäche der Bundesliga zu erklären. Doch das war es nicht, sondern ein merkwürdiger Fall von Scheinanalyse, wie er in der Sportberichterstattung allzu häufig praktiziert wird. Verglichen werden Dinge, die sich nicht miteinander vergleichen lassen (die Leistung der Nationalmannschaft bei der WM versus die Resultate von Clubs, in denen kaum ein Deutscher spielt) und finanzielle Verhältnisse, die sowieso nur eines beweisen: In England, Spanien und Italien wird noch mehr Geld verschleudert als in der Bundesliga und werden Spielerkader zusammengekauft, in denen Leute mit Potenzial auf der Tribüne herumlungern. Wäre derartiges Verhalten wirtschaftlich profitabel, würde es sich lohnen, solchem planlosen oligarchischen Tun nachzueifern. Aber das ist es nicht. Dass die Times das nicht weiß, ist bedauerlich. Aber auch nicht verwunderlich.

Kommen wir also zum Kern des Problems: Amerikanische Clubs zeigen seit Jahren, dass es Mittel und Wege gibt, mit präzisen Analysen der Leistungsparameter einzelner Spieler preiswerte Profis zu finden, die auf höchster Ebene mitkämpfen können. Clubs mit viel Geld haben es zwar leichter, aber sie besitzen keine Erfolgsgarantien. Die entscheidende Frage ist also: Weshalb ist das früher so fortschrittliche und maßgebliche Trainerausbildungssystem und die Jugendförderung des DFB nicht in der Lage, solche Arbeitsansätze zu entwickeln? Aus drei Gründen.

Erstens: Die stärkste Macht in der Liga, Bayern München, hat kein Interesse daran, irgendetwas zu tun, was dem ganzen System helfen könnte. Was unter anderem daran liegt, dass der Club von Leuten gemanagt wird, deren Horizont extrem verjüngt ist. Sonst hätten sie das alles schon vor Jahren gesehen und Innovationen angeschoben.

Zweitens: Solange die Liga nichts auf die Beine stellt und der DFB nur zuschaut, anstatt weitreichende Innovationen anzupacken (nein, nicht SO weitreichend wie der Sammer-Plan), fehlt es an Druck auf den Trainerbereich, in dem sich die sportliche Krise manifestiert. Gebraucht werden keine Motivationshampler, die ein paar Wochen lang ihre Spieler auf der emotionalen Schiene in Schwung bringen, sondern kreative Fußball-Ingenieure.

Drittens: Das hauptsächlich über das Fernsehen finanzierte System kann auf die Dauer nicht verkraften, dass Städte wie Leipzig, Dresden, Düsseldorf, Köln, Frankfurt nicht in der obersten Klasse vertreten sind. Warum nicht? Weil die Fans aus Aue und Burghausen und Siegen und Paderborn und anderen Käffern nicht das Geld haben, um Pay-TV-Projekte und andere Konzepte zu finanzieren. Irgendwann vor ein paar Jahren war das alles ganz schick, diese Alsenborn-Sentimentalität. Das kann man sich heute im Interesse einer vitalen Liga-Basis genauso schenken wie andere Sommermärchen.

Bild: von der Webseite Rare Soccer Videos, wo man Bundesliga-Geschichte nacharbeiten kann.

Kommentare:

marcus hat gesagt…

Kern des Problems scheint in der Tat in der Trainerausbildung zu liegen. Allerdings halte ich nicht die Leistungsdiagnostik, sondern vielmehr die mangelnden Taktikausbildung als das Hauptproblem. Wenn man sich Spiele in den anderen europäischen Ligen anschaut, fällt immer mehr auf, wie wenig direkt nach vorne gespielt wird in der Bundesliga. Es werden zu wenig Laufwege einstudiert. Und hier ist Bayern als Problem anzusehen. Sie haben mit Magath einen TRainer, der seinen Stürmern mit auf dem Weg gibt, dass sie im SPiel ihre Laufwege abstimmen sollen.
Wieso die Bayern aber alleine als eins der drei Probleme des deutschen Fußball sein sollen, kann ich nicht nachvollziehen. Die Jugendförderung des FC Bayern ist eine der effektivsten in der Bundesliga. In vielen Teams stehen Spieler, die beim FC Bayern in der Jugend gespielt haben (z.B. Jarolim). Man kann genauso andere Vereine miteinbeziehen. Die Machtkämpfe mit Klinsmann und Bierhoff in der Vergangenheit haben nicht allzu viel mit der Trainerausbildung zu tun. Es ging um die Machtverteilung zwischen Bundestrainer und den Vereinen.

jkalwa hat gesagt…

Danke erstmal für den Kommentar. Ich meine das mit den Bayern so: Dort hat man kein Interesse an der GANZEN Liga und deren wirkungsvollen wirtschaftlichen Weiterentwicklung zu einem sportlich attraktiven GANZEN. Die sehen SICH als Meister. Meister auf dem Platz. Meister des Geschäfts. Meister von allem. Rummenigges Konzept vom Teilen der Fernsehgelder zeigt, dass man in diesem Club gar nicht begreift, was eine Liga erfolgreich macht: Konkurrenz, Ausgeglichenheit, Spannung.
Aber man sollte nicht die Bayern alleine verantwortlich machen. Bolzplatz hat gerade die traurige Liste ehemaliger Gladbacher Einkäufe zusammengestellt. Wenn es einen Beleg für die Unfähigkeit in der Beurteilung von sportlichem Potenzial gibt, dann diese: Ich komme gerade nicht in die Seite hinein, sonst würde ich direkt linken.

Dülp hat gesagt…

Zum Kommentar von marcus: Das eine schließt das andere nicht aus. Für mich ist beides viel mehr Ausdruck desselben Problems: Einer steinzeitlichen Auffassung von Trainingsmethodik und eine allgemein skeptische Haltung gegenüber Sport-"wissenschaft".

Alte Haudegen, die selber am Abend vor dem Spiel fünf große Weizen getrunken haben, sind heute Trainer und glauben, mit denselben Mitteln arbeiten zu können wie in den 70ern. Solche Leute bekommen das Vertrauen der Vereine.

Wenn aber ein Bernhard Peters über Jahre ein akribisches System in einem anderen Sport installiert hat, neue Trainingsmethodik erfolgreich umsetzt, bei jedem Spiel 25 Beobachter auf die Tribünen setzt, um eine Datenbasis zu bekommen, dann werden solche Diskussionsansätze von Leuten wie Assauer oder Beckenbauer mit einem "Alles nicht auf Fussball übertragbar" weggewischt.