24. April 2008

Ansichten über Kobe

Auf den Sportseiten von faz.net geben nur wenige Leser in den Kommentaren ihre Meinung zum Besten. Das mag an den Artikeln liegen. An den Lesern. Oder an beidem. Umso mehr überrascht es einen, wenn sich gleich fünf Menschen zu Wort melden, weil sie etwas an der Tendenz eines Textes über einen Basketballspieler auszusetzen haben. Fünf – das wirkt wie ein Tsunami. Das Thema? Kobe Bryant und Gedanken zur MVP-Wahl, bei der er vermutlich in diesem Jahr zum ersten Mal in seiner Karriere gewonnen haben dürfte (Das Ergebnis steht längst fest, wird aber von der NBA erst in ein paar Tagen offiziell verkündet). Die oberflächliche Auswertung der Beschwerden ergibt, dass Bryant es geschafft hat, sich auch fern seiner Heimat den Ruf eines herausragenden Spielers zu erarbeiten. Und dass die Beschwerdeführer jede Form eines sachten Zurechtrückens der neuen Kleider des Basketball-Kaisers als Majestätsbeleidung empfinden. Wer selbst lesen und kommentieren will: Hier geht's lang.

Kommentare:

Paul Niemeyer hat gesagt…

- Sie unterstellen Kobe, er habe Lobbyisten, mit denen Sie natürlich Journalisten meinen, um sich geschart, um seine Wahl zum MVP durchzusetzen. Mit Verlaub: wie stellen Sie sich vor soll das ablaufen? Wenn Kobe sich die Dienste von Journalisten zu Nutze macht, dann höchstens, um mit einer wackligen Kamera während der Offseason schlecht gelaunt einen nie ernst gemeinten Trade zu fordern. Kobe mag die Nummern der wichtigen Journalisten in Kalifornien, vielleicht auch einiger in New York haben, aber sonst? Und meines Wissens ist die Wahl noch immer geheim, obwohl ich nicht bestreiten möchte, dass man aus Artikeln der 120 Medienvertreter ablesen kann, wen sie vorn sehen.

- Sie schreiben Kobe sei favorisiert "trotz solcher auffälliger und verdienstvoller Figuren wie Chris Paul", nur um daraufhin genau zu beschreiben, dass er nun einmal der auffälligste Spieler der NBA ist. Und sind 81 Punkte kein Verdienst?

- Sie haben folgende Beobachtung gemacht: "Diese Einschätzung [Kobe = MVP 08] teilen vor allem Fans, die einen Stil von Basketball mögen, der in den Sportnachrichten im Fernsehen floriert. Hier zeigt man am liebsten spektakuläre Einzelleistungen - die sogenannten Highlights." Dazu kann ich sagen, seit mehr als zwei Jahren keine Highlight-Videos auf nba.com gesehen zu haben, da ich deren Stil unerträglich langweilig und relativ saftlos finde. Ich persönlich bin ich auch nicht Fan von Bryant, habe allerdings vor keinem Spieler größeren Respekt.

- Sie halten Kobe vor, einen auf Show zu machen - als wäre die NBA etwas anderes? Wer bringt denn die Highlight-Videos raus - Kobe oder die NBA?

- Sie sagen, Kobe sei mit 18 Profi geworden, dabei wurde er mit 17 gedraftet. Sie sagen, Kobe kämpfe seitdem mit dem Schatten Michael Jordans, dabei hat Kobe längst einen eigenen Namen. Sie sagen, dass allgemein Showeinlagen mit Mannschaftssport nichts zu tun hätten, und schließen daraus, dass besonders Kobe kein Mannschaftsspieler sei.

- Sie zitieren Phil Jackson mit dessen Behauptung, Kobe sei "untrainierbar", dabei ist diese Aussage vier Jahre alt.

- Sie sagen, dass Jackson mit Jordan damals "eindeutig besser klar" kam und suggerieren damit, dass Jordan der more coachable player war. Da wäre ich vorsichtig.

- Sie tun leider so, als hätte Jordan nie eine Therapie nötig gehabt, dabei hatte der Megastar ein paar Probleme mehr als Bryant: Spielsucht, öfter mal einen über den Durst trinken, Probleme mit seiner Ehefrau usw.

- Sie stellen fest, dass Jackson und Bryant damals ein "Arrangement" schlossen, um die sportliche Durststrecke gemeinsam zu überstehen. Wie sah dieses Arrangement aus?

- Sie untermauern ihre Aussagen mit dem Hinweis auf David J. Berri, dessen Webseite auch ich sehr gern lese, obwohl ich mir im Klaren bin, dass die (positive) Machtpolitik, die sich Bryant gegenüber dem Lakers-Management herausnimmt, die Tatsache, das er als Erster zum Training kommt und als Letzter geht, und dass er von gegnerischen Fans mit MVP-Rufen angefeuert wird, mit keiner Statistik zu erfassen ist. Chris Paul mag statistisch gesehen ein lupenreiner Spieler sein, ob er damit aber innerhalb der nächsten drei Jahre drei Championships gewinnt wie damals Bryant, der als erster Spieler überhaupt drei Titel vor seinem 25. Lebensjahr gewann, bezweifle ich.

- Sie sagen einerseits, dass sich bei der MVP-Wahl von Stimmungen und Vorlieben leiten lassen, nehmen andererseits an, dass ihre Kollegen annehmen, "dass Bryant nach so vielen Jahren einfach mal an der Reihe ist, die Ehrung zu erhalten" - letzteres ist kein Stimmung oder Vorliebe, sondern vielmehr eine Meinung.


In der Summe stelle ich fest, dass Sie sich hier einige Mythen auf Kosten des (Medien)Hauses herausgespickt haben, um diese dann entweder zu widerlegen oder zu bestätigen - vom Ansatz her mag das objektiv oder zumindest aufklärerisch motiviert sein, vom Ergebnis her nicht - und das sollte doch eigentlich Ihr Ziel sein, oder?

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Ich möchte nicht so gerne auf alles eingehen. Das wird dann zu lang. Außerdem geht es mir bei diesem Thema und dem angesprochenen Text im Kern nur um einen einzigen, ganz bestimmten Sachverhalt: Kobe Bryant wird überschätzt. Und zwar mehr denn je. Das wirklich herausragende Talent an ihm ist sein Sinn für Selbstdarstellung und die Außenwirkung von dem, was er hinter den Kulissen tut und was er beim Spiel auf dem Platz auf die Beine stellt.

Selbst wer sich nur die letzte Saison anschaut (und all die prägenden Jahre seiner Entwicklung wegschiebt, obwohl das natürlich keinen Sinn macht - der Mann spielt seine Spielchen schon seit ein paar Jahren), sollte wenigstens zwei Dinge konzidieren: den Tabellenstand der Lakers, ehe Pau Gasol aus Memphis kam, und die wirklich sinnvolle Analyse von Professor Berri. Ich mag seine Berechnungen vor allem deshalb, weil sie ganz nüchterne Feststellungen treffen und, wenn man überhaupt von Tendenz sprechen kann, tendenziell nur in eine Richtung gehen: Fast alle Jungs, die im Alleingang ganze Verteidigungsreihen stehen lassen, sind nicht so effektiv ("wertvoll") wie sie aussehen.

Vielleicht nur ein Satz noch zu Jordan und Jackson in Chicago. Ehe Jackson den Job übernahm, an dem sich ein Mann namens Doug Collins die Zähne ausgebissen hatte, war MJ ein sehr eigensinniger Spieler, der nach dem Motto tickte: Wenn ich den Ball reinmache, dann weiß ich wenigstens, dass es funktioniert. Seinen Mitspielern hat er für keine fünf Pfennige als wichtige Partner eingestuft. Damit kamen die Bulls damals nicht sehr weit. Jackson und seine Assistenten haben ihm diese Haltung ausgeredet. Das Ergebnis kennen wir. Dass Bryant sich in eine ähnliche Richtung weiterentwickelt hat, ist nicht zu übersehen. Aber niemand möge sagen, damit habe er bereits angefangen, als er gegen O'Neal intrigierte.

heiko2183 hat gesagt…
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heiko2183 hat gesagt…

Der Tabellenstand der Lakers vor Gasol? Zu ihrer Info: Die Lakers waren mit Bynum trotz der Verletzungen bei Walton und Odom (vor dem Trades für Ariza) auf Platz 1 im Westen.

Und das mit dem zweitschwierigsten Anfangsspielplan der gesamten Liga (Laut Hollinger)

Sie zeigen mit ihrem Artikel nicht, dass Kobe überschätzt ist, sondern dass sie sich wohl keine Lakers Spiele ansehen.

Darum haben Sie sich mit MVP Rufen für Kobe in Boston und Atlanta um ein Jahr vertan. Da gabs dieses Jahr nämlich keine derartige Anfeuerung. Aber kann natürlich vorkommen.
Sie scheinen sich schliesslich nicht wirklich mit den Lakers Spielen zu befassen.

Professor Berris Analysen sind schön und gut. Sicherlich sehr interessante Zahlenspiele aber nunmal nicht mehr. Wie auch bei Hollinger und vielen andere Statistikfans sind die Aussagekraft dieser Analysen einfach sehr limitiert.

Gute Defense, ein Hockeyassist, Double Team oder ein Momentum Changer werden eben nicht mit Zahlen erfasst.

Nochmal zu Phil Jacksons Buch:
Wenn er Kobe für uncoachable halten würde, wäre er wohl kaum zu den Lakers zurück. Die 10 Millionen hätte er auch bei seinem New Yorker Ex Club einstreichen können.

Der Mann brauchte einige provokante Aussagen um auch die Leser für sein Buch zu interessieren.

(Vielleicht war Ähnliches auch der Grund für ihre seltsamen Thesen im Artikel)

Selbst die grössten Kobe-Kritiker gestehen ihm starke Leistungen zu. Sie allerdings deken, die Anerkennung beruhe lediglich auf einem Mythos?

Genauso ist es etwas seltsam Kobe als den absoluten Medienliebling darzustellen, der nur aufgrund seiner spektakulären Spielweise diesen Superstar Status rechtfertigt. Keiner der anderen MVP Kandidaten steht ihm schliesslich beim Medienhype oder der spektakulären Spielweise in etwas nach.

Im Gegenteil: Garnett ist neben Kobe der einzige MVP Kandidat, der auch bei der unspektakulären aber emminent wichtigen Verteidigung zur Ligaspitze gehört.

Und so ein mieser Teamplayer kann Bryant vor 8 Jahren ja schliesslich kaum gewesen sein, wenn man mit ihm 3 Titel gewinnt.

Letztendlich ist die Botschaft ihres Artikels: "Ich mag Kobe Bryant nicht"

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Ich hätte das gerne so stehen gelassen. Aber das geht leider nicht.

• Die Lakers waren im Westen in der Woche vor dem Gasol-Trade die Nummer 5 hinter den Hornets, den Mavericks, den Suns und den Spurs. Wie gut Kobe Bryant ist, konnte man sehen, als Bynum ausfiel: Die Lakers verloren fünf von sieben Spielen. Als Gasol kam, schafften sie eine Serie von 9:1.

• Über die MVP-Rufe in fremden Hallen. Orlando Sentinel, 1. April 2008: "Only one guy -- Bryant -- really hears them all around the league".
Fort Worth Star-Telegram, 19. März 2008: "The chant "MVP, MVP" pierced the gaping silence at American Airlines Center as the curtain mercifully fell on a stunning first half of play. The serenade was not for the newest Dallas Maverick, Jason Kidd, but rather for their old nemesis, Kobe Bryant."
The Press-Enterprise, Riverside, 5. März 2008: "The fans at Arco Arena never chanted "MVP" for Kobe Bryant the way they did Tuesday night."
Los Angeles Times, 27. Februar 2008: "The chants are more frequent now. They come after great passes. They come after nifty steals. They come not only in Staples Center, but in arenas around the league."
Charlotte Observer, 12. Februar 2008: "You can pretty much count on the fact that this is the first and last time this season you'll hear the chant, "MVP, MVP" at a Bobcats home game. And for that matter, the last time you'll see grown men gawking and aiming their camera phones at the court. Welcome to the Kobe Bryant effect."

• Das Argument gegen den Wert sinnvoll aufbereiteter statistischer Informationen habe ich tausendmal gehört. Die pure Wiederholung macht es aber nicht schlagkräftiger. Wenn jemand keine Lust hat, sich mit der Arbeit von jemandem wie David Berri zu beschäftigen, kann das viele Gründe haben. Dann soll er das aber auch zugeben. Ich weiß, dass man einen schweren Stand hat, wenn man die Lektüre von (und die Auseinandersetzung mit) solchen Analysen empfiehlt. Bis der Sinn solcher Übungen einer größeren Menge von Leuten eingeht, wird sicher noch einige Zeit vergehen.

Zum Schluss würde ich gerne die Diskussion auf den eigentlichen Punkt zurückführen. Ich habe noch nie bestritten, dass Kobe Bryant ein guter Basketballspieler ist. Die Frage, um die es hier geht, lautet: Wie wertvoll ist er für (s)eine Mannschaft (im Vergleich zu anderen Spielern in ihren jeweiligen Mannschaften)? Und muss man ihm wirklich einen Ehrenpreis aushändigen? Wieviel bringen seine Zirkuseinlagen dem eigenen Team wirklich? Die Antwort: viel weniger als die meisten denken.

heiko2183 hat gesagt…

Sie machen es sich sehr einfach. Natürlich hatten die Lakers enorme Probleme ohne Bynum. Schliesslich war man wieder auf Kwame Brown als Center angewiesen. Welcher Spieler kann denn schon alleine kompensieren, dass wichtige Elemente das Finishen unterm Korb, Rebounding und Shotblocking einfach wegfallen?

Was die MVP Rufe in fremden Hallen angeht habe ich nie bestritten dass Bryant auch in fremden Hallen desöfteren gefeiert wird. (So auch beispielsweise gestern in Denver)

Sie haben sich dennoch um ein Jahr vertan was Boston und Atlanta angeht. Boston hat dieses Jahr wieder ein vernünftiges Team welches es zu Bejubeln gilt. (inklusive eigenem MVP Kandidaten)
Bei den Hawks hatte Kobe eines seiner schlechtesten Saisonspiele und es waren definitiv keine MVP Rufe zu hören wie es bei einem tollen Auftritt Bryants ein Jahr zuvor noch der Fall war.


"Statistiken haben für uns Menschen die gleiche Bedeutung wie Straßenlaternen für Betrunkene.
Sie dienen weniger der Erleuchtung als vielmehr der Aufrechterhaltung des eigenen Standpunktes."

Statistiken bieten teilweise interessante Ansatzpunkte aber im Endeffekt können sie eben das Spielgeschehen auf dem Platz nur bedingt in Zahlen ausdrücken.
Wenn David West über eine Saison gesehen bessere Zahlen auflegt als Tim Duncan weiss Ich im Endeffekt trotzdem welcher Spieler der Bessere ist. Auch den (Crunch Time Wert) eines Robert Horry können sie schlecht in eine Statistik verpacken.
Es gibt endlose derartige Beispiele und man kann letztendlich immer eine Statistik finden, die die eigene Meinung unterstützt.

Ihr Artikel könnte in ähnlicher Form vielleicht über Marbury erscheinen, dem man immer wieder nachsagte nur für die Galerie zu spielen.

Kobe Bryant hat 3 Titel, unzählige Rekorde und Teams mit Smush Parker und Kwame Brown auf den beiden wichtigsten Positionen im Basketball in die Playoffs geführt.

Selbst die grössten Kritiker sehen Bryant als Top 10 Spieler der Welt.
Bei Umfragen unter Trainer und Coaches ist Bryant regelmässig mit Abstand auf Platz 1. Spieler wie Garnett, Amare, Dirk, Nash, Butler, James und Shaq bezeichnen ihn als den Besten der Welt.

Für Sie ist das alles ein Medienmanipulierter Mythos?

Ich habe diese Saison bisher wieder 85 Mal gesehen wie wertvoll Bryant für sein Team ist.

Man muss ihn nicht mögen und man kann auch durchaus sein Spiel kritisieren aber was sie in ihrem Artikel aufführen ist teilweise wirklich entweder blühender Fantasie oder tiefgreifender Abneigung zuzuführen.