15. Juli 2009

NBA-Spielermarkt: Das Beispiel Marcin Gortat

In eigener Sache: Nachdem sich in diesem Sommer eine Menge auf dem Transfermarkt in der NBA getan hat, war es an der Zeit, die Aktivität und die Hintergründe für das nervöse Hin und Her auszuleuchten. Der Beitrag für die FAZ zu dem Thema wurde heute bei faz.net hochgeladen. Man kann bei einer solchen Gelegenheit in einer Tageszeitung, in der die NBA eine Nebenrolle spielt, die Flut der Ereignisse nicht auch nur annähernd im Detail abhandeln. Man muss sich schlichtweg für einen eigenen und ganz besonderen Themenzuschnitt entscheiden und durch den die bemerkenswerten Facetten auffächern.

Die meisten würden in einer solchen Situationen vermutlich den Schwerpunkt im Text auf den Wechsel von namhaften Figuren wie Shaquille O'Neal (von den Phoenix Suns zu den Cleveland Cavaliers), Vince Carter (von den New Jersey Nets zu den Orlando Magic), Rasheed Wallace (von den Detroit Pistons zu den Boston Celtics) legen. Ich persönlich habe nichts gegen solch eine Herangehensweise, finde aber den Drang nach der Beschäftigung mit den großen Namen eher fad. Was sollen die uns auch schon aufzeigen? Bei solchen Geschäften wird doch nur eine einzige konzeptionelle Überlegung umgesetzt: Die klassische Arbeitshypothese von Clubverantwortlichen, die darauf spekulieren, ihre schon ziemliche gute Mannschaft durch die Verpflichtung eines ausgewiesenen älteren Einzelkönners um jenen Hauch besser zu machen. der ihnen gefehlt hat, um den Titel zu gewinnen. Wenn das drei Manager gleichzeitig machen, wird das am Ende für mindestens zwei von denen trotzdem zu einem Fehlschlag. Es gibt ja jedes Jahr nur einen Champion. Darüber zu spekulieren, wer das am Ende sein wird – die Cavaliers, die Celtics oder die Magic (oder vielleicht doch die Lakers) finde ich journalistisch ziemlich uninteressant. Selbst wenn sich die meisten NBA-Fans vermutlich am liebsten sehr gerne über solche Fragen unterhalten.

Da finde ich schon sehr viel interessanter und anregender, solch ein Thema aus einem etwas anderen Blick anzugehen. Zumal uns naturgemäß die Aussichten von Dirk Nowitzki auf eine Meisterschaft immer noch am meisten beschäftigen. Und in dem Zusammenhang gab es diesen, wie ich fand, sehr vielversprechenden und erst am Montag abgeblockten Versuch des Clubs, den Polen MarianMarcin Gortat aus Orlando zu holen. Gortat, den man in Deutschland noch kennen dürfte, weil er drei Jahre lang bei RheinEnergie Köln im Einsatz war, wirkte wie eine effektive Verstärkung für die Mavericks. Denn die sind mit Erick Dampier wirklich bestraft. Ich fand auch, dass Donnie Nelson dabei taktisch sehr geschickt vorging, als er Gortat, einem restricted free agent, einen überdurchschnittlich hoch dotierten Vertrag anbot, der immer noch weit unter dem Dampier-Salär lag. Denn der zwang die Orlando Magic zu einer langen und harten Selbstbefragung. Sollten sie sich wirklich für 6,8 Millionen Dollar im Jahr einen Ersatzmann für Dwight Howard leisten und sich zum ersten Mal weit ins Luxussteuer-Territorium vortasten? Was niemand ahnen konnte und auch Gortat überraschte: Die Magic zogen gleich und hielten ihn in Florida fest.

Theoretisch hätte man den Artikel auch komplett auf die Orlando Magic zupitzen können, denn deren Einkaufspolitik (sie haben auch noch Brandon Bass verpflichtet, der zuletzt in Dallas als Ausputzer am Brett geglänzt hatte) ist wirklich bemerkenswert. Aber, ehrlich gesagt: Dazu ist noch Zeit, wenn sich abzeichnet, ob sich diese Investitionen gelohnt haben oder ein Schlag ins Wasser waren. Ich sah zunächst vor allem im Los des nunmehr ziemlich reichen, aber auch ziemlich traurigen Marcin Gortat die faszinierendere Schnittmenge eines hyperaktiven Trade-Sommers.

Übrigens auffällig, wenn auch nicht leicht in einen unmittelbaren Zusammenhang zu bringen: In diesem Jahr drehte sich nach dem Ende der Saison in der NBA das Trainerkarussell nur mäßig (anders als in den ersten Wochen der Spielzeit, als gleich sechs Leute ihres Amtes enthoben wurden). Ich tippe mal, dass die relative Ruhe bei den Coaches in einem reziproken Verhältnis zu dem Hin und Her auf dem Spielermarkt steht. Aber beweisen lässt sich das natürlich nicht.

Kommentare:

Paul Niemeyer hat gesagt…

Nur zur Ergänzung: ein Interview mit Otis Smith (GM Magic) zur Verpflichtung Gortat's

http://www.thirdquartercollapse.com/2009/7/13/948134/orlando-magic-media-day-otis-smith

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Danke für die Info. Nur fragt man sich angesichts der Begründung wirklich: Für Dallas war Gortat durchaus so viel Geld wert. Vor allem wenn er den nutzlosen und doppelt sop teuren Dampier aus dem Rennen geworfen hätte. Für Orlando kann er das nicht wert sein. Vor allem, weil man jetzt auch noch Luxussteuer bezahlen muss (für jeden Dollar über der Cap einen Dollar in den Topf). Und dieser Geld-Aspekt wird in dem Interview vernachlässigt.

Paul Niemeyer hat gesagt…

Was den Geldaspekt angeht: Richard de Vos, Besitzer der Orlando Magic, hat ca. 1 Milliarde $ mehr auf der hohen Kante als Mark Cuban, nichtsdestotrotz kostet Gortat dem Verein diese Saison 12 Millionen $ (6 Millionen Salär + 6 Millionen Tax = aberwitzig). Zudem haben die Magic sich in der Vergangenheit mit ihrer Center-Politik keinen Gefallen getan - Dwight Howard muss bei Laune gehalten werden. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage, ob hier O. Smith die Mavs oder D. Nelson die Magic "gelinkt" hat - für beides gibt's gute Argumente. Wahrscheinlich aber ist Gortat selbst der 'Schuldige', da er das Offer Sheet der Mavs viel zu früh unterzeichnet hat. Was den Wert von Gortat angeht: wie Smith im Interview andeutet, gibt es diesen Sommer einfach nicht viele solide Backup-Center (...aber Ben Wallace hätte nun wieder Zeit ;-)) - da hat das Angebot den Preis dominiert. Zählt man übrigens die Neuzugänge/-verpflichtungen Vince Carter, Brandon Bass und Gortat zusammen, gehen die Magic als Favorit der Eastern Conference in die neue Saison - wer hätte das vor neun Monaten erwartet? Den Tickethändler wird's freuen. Und was Gortats Unzufriedenheit angeht, folgende Analyse:

"You can insist he be happy because he got paid; you can also see why he'd prefer to get the chance to start. But as anyone who watched the playoffs knows, Gortat does get some chances to shine off the bench. With Hedo gone, who knows what line-ups SVG will opt to play—bigger ones, you'd think. So the man finds himself paid like crazy, on a team that's looking more and more like the favorites in the East. Hardly a bad spot to be in, even if it's not Gortat's ideal.

sven simon hat gesagt…

Hallo, sven simon hier von der FIVE.

da ich regelmäßig im guten blog von jürgen kalwa vorbei schaue, musste ich mich kurz zu wort melden, nachdem mir eine formulierung im oben erwähnten faz-artikel zugetragen wurde:

"Denn er hatte in Florida – obwohl in Deutschland von Fachblättern wie dem Magazin „Five“ als „hyperaktiver Athletikcenter“ verspottet – jede Gelegenheit genutzt, um sich als Einwechselspieler für Dwight Howard, den überragenden Mann im Team, zu empfehlen."

zugegeben: natürlich reagiere ich als gründungsmitglied der FIVE nicht besonders objektiv, wenn jemand unser baby kritisiert … vor allem, wenn er eine formulierung aus dem zusammenhang reisst, die im kontext weit weniger spöttisch klang. … und wenn der kollege dafür bekannt ist öfters - und dabei desöfteren auch berechtigt - hiebe an andere journalisten und medien auszuteilen.

zum thema gortat:

unsere redaktion sitzt in köln, deshalb habe ich gortat mehr als regelmäßig spielen sehen (wie oft hat jürgen kalwa gortat eigentlich live spielen sehen?). bei seinem wechsel in die nba haben wir neben der zitierten formulierung auch gesagt, dass er weit besser dorthin passt als beispielsweise mario kasun, der auch aus der bbl zu den magic wechelte, sich aber nicht durchsetzen konnte.

anders als kasun, der von seinem selbstverständnis her einer der leistungsträger sein muss, kann sich gortat mit einer rolle als harter arbeiter innerhalb einer rotation arrangieren. sein ego kann es verkraften, wenn er nicht zu den großen stars eines teams gehört und für ihn nicht viele eigene plays gelaufen werden - anders als der egozentriker kasun.

abgesehen davon würde ich gortat gerne mal unter mike d'antoni sehen. der pole wäre mit seiner schnelligkeit der perfekte mann auf der fünf für d'antonis schnelles spiel. unter solchen rahmenbedingungen würde ich ihm leistungen zutrauen, die mit andris biedrins bei den warriors zu vergleichen wären.

so, nun muss ich mich wieder um die kommende ausgabe kümmern und verbleibe freundlich mit einer gekackten korinthe: gortat heißt mit vornamen nicht marian.

schönen tag, sven