19. August 2008

John Carlos – oder die Geschichte eines Interviews

Man trifft im Laufe der Jahre in den USA viele Athleten, weil man sich mit ihnen über ihre Karriere, ihre Ambitionen und ihre Einschätzung der Welt unterhalten möchte. Im Regelfall heißt das, man muss einen kleinen Parcours von Managern, Agenten, PR-Leuten im Umfeld durchlaufen, aber erhält am Ende sehr zuverlässig exakt das, was vereinbart wurde. Das erleichtert die Arbeit.

Ganz anders sieht die Sache aus, wenn man jemanden wie John Carlos um einen Gesprächstermin bittet. Der Bronzemedaillengewinner der Olympischen Spiele in Mexico City ist nicht Teil dieses Systems aus Geben und Nehmen, aus dem ein Großteil der Sportberichterstattung besteht. Der Mann, der zu einer Symbolfigur für Politik und Rassendiskriminierung wurde, als er und sein Mannschaftskollege Tommie Smith bei der Siegerehrung die geballte Faust zum Black-Power-Gruß in den Himmel reckten, braucht keine Publicity. Und die Geschichte über die Protestaktion damals hat er oft genug erzählt. Man kann ihn auch nicht damit beeindrucken, dass man bereit ist, sich auf den weiten Weg nach Palm Springs in Kalifornien zu machen, an seinen Wohnort, um ihn dort zu treffen. So wusste ich selbst einen Tag vor dem vereinbarten Termin nicht, ob es zu dem Gespräch kommt. Denn er war nicht zu erreichen, um das Vereinbarte zu bestätigen. Ich saß in San Diego, über 200 Kilometer weit weg, und befürchtete, dass der ganze Plan ins Wasser fallen würde. Einen Tag danach konnte ich ihn dann doch erreichen, und wir trafen eine neue Verabredung. Würde er kommen? Würde er mich sitzen lassen? Er kam, sogar etwas früher als besprochen, und schlenderte entspannt durch die Lobby des Hotels. "Dr. Carlos", wie er am Telefon betont hatte. Ein Mann von 63 Jahren mit weißen Haaren und weißem Hemd und weißer Hose, der sich als Gegenleistung nichts anderes erbeten hatte, als dass ich ihn zum Frühstück einlade. Wir haben uns eine Stunde unterhalten. Und er hat erklärt, weshalb er sich mit seinem Kollegen Tommie Smith zerstritten hat, dem er damals das Rennen und den Sieg geschenkt hat. Und weshalb er im Jahr 2008 einen Athleten-Boykott der Spiele in China ablehnte, obwohl er 1968 eine solche Initiative der schwarzen US-Sportler für notwendig ansah. Die Reise und das Warten hatten sich gelohnt.

Morgen abend stehen in Peking die 200 Meter auf dem Programm. Diesmal mit einem Läufer, der schon über die 100 Meter gezeigt hat, dass er die olympische Bühne vor allem nur für ein Anliegen nutzen will: zu einer Form der Selbstdarstellung, bei der man die Konkurrenz öffentlich vorführt und das Herz der Sponsoren und der eigenen Landsleute erfreut. Da ist es gut, sich daran zu erinnern, dass es auch schon mal andere Athleten gab. Die ausführliche Version des John-Carlos-Interviews wurde vor den Spielen in der FAZ veröffentlicht. Einen Radio-Beitrag zum Thema hat der Deutschlandfunk am Sonntag gesendet.

Übrigens: In der morgigen Ausgabe der FAZ wird ein Interview mit einem weiteren Teilnehmer des Endlaufs von 1968 zu lesen sein. Gesprächspartner: Jochen Eigenherr, der in Mexico City den Europarekord einstellte und als Zeitzeuge die Ereignisse von damals einordnet.


Mehr zum Thema: Ein Video mit dem Titel John Carlos Fist of Freedom gibt es hier. Und hier einen Trailer zum Dokumentarfilm Salute, den Matt Norman, der Neffe des Australiers Peter Norman, gedreht hat. Der belegte damals den zweiten Platz und trug bei der Siegerehrung ebenfalls einen Button der Menschenrechtsorganisation Olympic Project for Human Rights.

Kommentare:

rheumakai hat gesagt…

Der im Text erwähnte Waddle heißt Wottle. Er hat bei der Siegerehrung seine Mütze nicht abgenommen. http://de.wikipedia.org/wiki/David_Wottle

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Danke für den Hinweis.

Carl hat gesagt…

Das Bild 'Endspurt zum Protest...' im verlinkten FAZ-Artikel stammt nicht aus dem Finale - siehe Video.