2. Juli 2010
Patentrezept fängt mit Pate an
23. Januar 2010
Ein aufgepumpter Feigling
Blick zurück: Der mutmaßliche Grund für das Geständnis jetzt
12. Januar 2010
McGwires Doping-Geständnis – ein Flashback
Übrigens: Falls sich jemand fragt, weshalb Mark McGwire nach so vielen Jahren den Mund aufmacht und zugibt, was er im Grunde nie bestritten, sondern immer nur pflaumenweich umschifft hatte. Dies wäre eine Spur: Sein Bruder Jay, mit dem er schon jahrelang keinen Kontakt mehr hat, wird nach Angaben von Amazon in ein paar Tagen mit einem Buch auf den Markt kommen, dass das Doping-Thema Schwarz auf Weiß belegt. Jay hatte eigenen Angaben zufolge einst als Bodybuilder und Fitnesstrainer den Baseball-Bruder mit Anabolika bekannt gemacht und ihm wohl auch die ersten Spritzen verpasst. McGwire wollte vermutlich den neuerlichen Anschuldigungen (die alten kamen konkret von seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Jose Canseco) den Wind aus den Segeln nehmen. Trotzdem hat er mit dem späten Eingeständnis aus heiterem Himmel gestern keine Sympathiepunkte gesammelt. Der Tenor vor allem unter anderen ehemaligen Spielern, ist eindeutig: Die Leistungen von Leuten wie McGwire haben in dem statistikversessenen Spiel natürlich ihre eigenen Werte schlechter aussehen lassen. Wer weiß, wer alles in jener Zeit als Trainer oder redlicher Spieler seinen Job verloren hat, weil plötzlich die aufgepumpten Michelin-Männchen antraten und die Maßstäbe für Erfolg verschoben.Mir ist in diesem Zusammenhang übrigens eine Episode aus dem Jahr 1998 wieder eingefallen, als ich für den Züricher Tages-Anzeiger zunächst über McGwire schrieb: "Zu seinem Aufbauprogramm gehören nicht nur Steaks und Hamburger, sondern ebenso die unter Amerikas Profis populäre Muskelsubstanz Kreatin und das testosteronfördernde Mittel Androstenedion, das ausser im Baseball und Basketball in fast allen Sportarten auf der Dopingliste steht." Wenige Tage später monierte ich die Art und Weise, wie man in den USA das Auslöschen des alten Rekords von Roger Maris gefeiert hatte: Mit einer Unterbrechung mitten im Spiel, in der McGwire ein Mikrofon in die Hand gedrückt bekam und eine Ansprache halten durfte. Parallel liefen damals auf der Anlage in Flushing Meadow die US Open im Tennis. Und die Schweizer Spielerin Martina Hingis wurde tatsächlich von den anwesenden Journalisten in der Pressekonferenz genötigt, zu diesem Baseball-Theater eine wohlwollende Stellungnahme abzugeben.
Ich charakterisierte diesen Vorgang als "krankes Wir-Gefühl". Das gefiel den Baseball-Fans in der Schweiz ganz und gar nicht. Und so findet man noch heute in den Archiven der Zeitung einen ärgerlichen Leserbrief mit pauschalen und völlig überzogenen Vorwürfen an meine Adresse.
Schwamm drüber. Es war natürlich krank. Und ein Symbol für all das, was an dem Massenwahnsinn des amerikanischen Sports bisweilen durchknallt. Ja, und Mark McGwire war gedopt. Seinen Ruf als Sportbetrüger zementierte er allerdings erst vor vier Jahren, als er bei einer Anhörung im Kongress in einem denkwürdigen Auftritt unter Eid wiederholt einer Antwort auf die zentrale Frage auswich. Ein Betrüger. Geständig, ja. Aber ein Mann ohne Mumm, der sich immer nur Sorgen um sich selbst machte, weil der Anabolika-Konsum gegen Gesetze verstoßen hatte und die Verjährungsfrist für seine Vergehen noch nicht abgelaufen war. So jemand wirkt im Jahr 2010 denn einfach nur wie eine Karikatur.
Die nächste Frage lautet: Wann wird Major League Baseball darüber nachdenken, die Rekorde aus der Anabolika-Zeit zu streichen? Mit jedem Geständnis der Top-Spieler wie zuletzt Alex Rodriguez fällt die Blase in sich zusammen. Aber wahrscheinlich darf man von Commissioner Bud Selig in der Richtung nichts erwarten. Amerikas nostalgisch angehauchte Sportart leistet sich im höchsten Amt einen Menschen, der aussieht wie einen Schluck Wasser in der Kurve.
15. Dezember 2009
Pfuschen mit der Zentri-pfui-ge
Einen Tag später allerdings liest man in der New York Times, dass der Mann seinen guten Ruf womöglich gar nicht verdient hat. Denn zum Beispiel einer Reihe von Major-League-Baseballspielern, die sich bei ihm in Behandlung befunden haben, konnte er offensichtlich gar nicht helfen. Wir gehen aber mal davon aus, dass er seine teuren Rechnungen trotzdem liquidiert hat.
Wie wird ein Mann, der Leuten Blut abzapft, es durch eine Zentrifuge jagt und es als mit Plättchen-angereichertes Plasma in die verletzten und operierten Sehnen, Bänder und Muskeln injiziert, eigentlich zum Wunderdoktor? Wieso bestellt jemand wie Tiger Woods den Mann ins Haus und lässt ihn für teures Geld monatelang immer wieder einfliegen, wenn seine Methoden ganz offensichtlich keinen dauerhaften Erfolg produzieren konnten? Die Antwort auf eine solche Frage hat sehr viel mit dem Wirkungszusammenhang von Angebot und Nachfrage und dem von Public Relations und Reputations-Management zu tun. Es gibt keine Ärzte, die jedem bei jedem Leiden helfen können. Aber es gibt den Mythos des weißen Kittels, die bestens eintrainierte Verkaufsmasche von Medizinern, die nie allen alles versprechen, aber immer betonen, wie sehr sie es trotzdem versuchen.
Welche Alternativen hat der Hochleistungssportler denn auch, wenn er nicht seinem Körper mehr Zeit und vernünftige Ernährung gönnen will, um die im biologischen Bauplan verankerten Heilungsprozesse zu fördern? Soviele vermeintliche Wunderheiler gibt es selbst in den USA nicht. Und dort gibt es sehr viele ausgewiesene Spezialisten. Also lässt man sich bei der Entscheidung für den Sportarzt von anderen Dingen leiten. Zum Beispiel von einer Liste von Patienten, die ein erfolgreicher Arzt auf Anfrage vermutlich immer gerne Preis gibt. Dr. Galea zum Beispiel hat Alex Rodriguez betreut, ist der Mannschaftsarzt der Toronto Argonauts in der Canadian Football League, und er hat einen Praxispartner, der als Chiropraktiker in der Sportbranche einen Ruf wie Donnerhall genießt. Der kann einem notfalls auch Patienten ins Haus holen, so wie das im Fall von Tiger Woods geschehen sein muss, wenn die New York Times nichts falsch verstanden hat. "Enttäuscht von den Fortschritten bat im Februar Dr. Lindsay Dr. Galea, sich Woods anzuschauen. Der litt unter Larsen-Johansson-Krankheit [eine schmerzhafte Entzündungsreaktion des Ursprungs der Kniescheibensehne an der Spitze der Kniescheibe] und hatte Narbengewebe im Muskel entwickelt." Das sei üblich nach einer Außenband-Operation, meinte Dr. Mark Lindsay, der übrigens mit einer ehemaligen kanadischen Weltcup-Skifahrerin verheiratet ist und aus dem Teil der Welt sicher eine Menge über kaputte und geflickte Knie weiß. Und angeblich half der Schuß aus der Zentrifuge ja auch. Bis dann... irgendwann... doch nicht mehr.
Auch so etwas ist üblich: Denn tatsächlich gibt es für ärztliche Maßnahmen so gut wie keine Garantien. Erstens, weil die Diagnose oft nicht greift. Und zweitens, weil die Natur aus irgendeinem komischen Grund den Wissenschaftlern noch immer irgendwelche Schnippchen schlägt. Das wird dann meistens nur so gut wie nie den herumdokternden Ärzten aufs Butterbrot gestrichen. Weshalb es oft Jahre dauert, bis Kurpfuschern und Scharlatanen die Kundschaft davonläuft.
Immerhin scheint die Eigenblut-Injektion bestimmte Wirkungen zu haben, wenn auch womöglich nicht in dem Bereich der Gelenktherapie, in dem Dr. Galea sich seinen Namen gemacht hat. Sondern im Bereich der akuten, aber betrügerischen Form der Leistungsteigerung, die man aus Sicht der Sportethik gerne als Doping bezeichnet. Galeas Zentrifugalkräfte (und die seiner Kollegen) werden deshalb von der WADA beäugt.
Für 2010 gilt darum übrigens folgendes: Blood Spinning, wie die Behandlungsmethode üblicherweise genannt wird, ist verboten, wenn intramuskulär gespritzt wird. Andere Formen der Anwendung verlangen, dass die Sportler und ihre Ärzte der Dopingaufsicht dies mitteilen ("declaration of use"), um sich eine Ausnahmegenehmigung zu besorgen ("therapeutic use exemption"). Eine solche Regelung besagt nichts anderes als: ja, die Methode wirkt – um zu dopen.
Das hat man auch von Tiger Woods vernommen, der sich dem gestrigen Bericht der Times nach der ersten Fixe ins linke Knie zufolge derart stark vorkam, dass er auf einen Tisch hätte springen wollen. Geheilt war er nicht, aber Energie hatte der Junge im großen Stil.
Advent, Advent, die Doping-Kerze brennt
Weil die New York Times und die New York Daily News gestern abend im Wettbewerb miteinander das Thema nach ganz oben gezogen und mit sehr vielen Hintergrundinformationen ausgestattet haben, gehen kurz vor Weihnachten erstmals ein paar Kerzen an, die Einblick in eine noch nicht besonders gut ausgeleuchtete Zone des Dopings geben. Wir reden von Doping mit zentrifugiertem und angereichertem Eigenblut. Und von einem Mittel namens Actovegin, das man aus Kalbsblut gewinnt und das den Sauerstofftransport im Körper stimuliert. Und von Wachstumshormonen.Das ganze Reden zielt ab auf eine neue Figur im Zentrum des von Medizinern unterfütterten Athleten-Komplotts: auf den kanadischen Arzt Dr. Anthony Galea. Die ausführliche Darstellung der ihm zur Last gelegten Vorwürfe, die ihm eine Festnahme und eine Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft in Toronto eingehandelt haben, findet man auf faz.net und am Mittwoch in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Eine Zusammenfassung des aktuellen Wissensstands wird heute abend im Deutschlandfunk zu hören sein. Interessante und vielleicht auch pikante Note: Die Querverbindungen zwischen Galea, seinem Praxispartner in Kanada, einem Chiropraktiker und dessen einstige Beziehungen zu BALCOs-Doping-Bemühungen um den ehemaligen 100-Meter-Weltrekordler und Lebensgefährten von Marion Jones: Tim Montgomery. Der war übrigens der erste Athlet, der lange vor Claudia Pechstein auf der Basis von Indizien und ohne Geständnis und ohne Testresultate gesperrt wurde. Inzwischen sitzt er eine fünfjährige Strafe wegen Heroinhandel ab.
Man sollte zwar nicht gleich so etwas wie "guilt by association" kreieren. Weder was Tiger Woods betrifft, der ohnehin schon ziemlich tief in der Tinte sitzt, nachdem sich die ersten Sponsoren von ihm distanzieren, weil ihnen das Medienecho auf seine außerehelichen Eskapaden nicht gefällt. Noch was den Chiropraktiker Mark Lindsay angeht. Aber die Informationen daüber, wer eigentlich wen kennt und wer wen fit macht, sind wertvolle Hilfen, um das Koordinatensystem zu verstehen, in dem Sportler (und Doper) wandeln.
In dem Zusammenhang als Lektüre ebenso zu empfehlen: Neue Hinweise zur Wiener Blutbank und den Ermittlungen, die in alle Himmelsrichtungen zeigen – auch nach Norden. Thomas Kistner hat den letzten Stand für die Süddeutsche zusammengetragen.
2. November 2009
A-Rod in der World Series: Wie befreit
15. Oktober 2009
Sport und Politik: Limbaugh scheitert
Bei ProFootballTalk spielte sich die Entwicklung unter anderem in den Kommentaren ab. Limbaugh-Fans - und Apologeten (Spitzname: "Dittoheads") schrieben sich in den Kommentaren die Finger wund und beschuldigten Florio, er sei eine Marionette von NBC und deren Eigentümer General Electric und damit der Regierung. Ein Teil der Meinungsäußerungen dokumentierte allerdings eine subtile und sehr viel gefährlichere Haltung: Der Anspruch von rechts gestrickten Sportanhängern, dass man ihnen in einem Sportblog möglichst keine Texte serviert, die auch nur im entferntesten etwas mit Politik zu tun haben. Diese Gruppe von Lesern stellt gerne die Behauptung auf, dass das eine (Sport) und das andere (Politik) nichts miteinander zu tun haben, um auf Basis dieses denkschwachen Axioms die Inhalte zu beeinflussen.
An dieser Haltung ist zumindet soviel bemerkenswert: Sie dürfte bei einer großen Mehrheit der Sportjournalisten auf Zustimmung stoßen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Sportberichterstattung nach Möglichkeit jeden systemkritischen und systemanalytischen Ansatz vermeidet. Obwohl die Strukturfehler des kommerziellen Sports (sei es die Abhängigkeit von Fernsehgeldern und Sponsoren, Doping zur Leistungssteigerung, Korruption und Betrug) nicht mehr von der Hand zu weisen sind. Ob und wie Mike Florio der Gegenwind aus den Kommentaren beeinflusst, wird man sehen.
12. Oktober 2009
Neulich im Sport-Universum...Folge 1
Aber weil es etwas mühsam ist, sich durch jedes einzelne bei YouTube durchzuklicken, habe ich ein paar Highlights herausgefischt und in einem Mashup auf ihren Kern zugeschnitten. Hilfe gab es dabei von zwei sehr liebenswürdigen YouTube-Nutzern, die mir die Genehmigung gaben, ihre kreative Beschäftigung mit den olympischen Ringen einzubauen. Dabei handelt es sich um die Zeichnungen von Peter Baars (lookoutshirts.nl) aus den Niederlanden und die Puzzle-Aufnahmen von Pantazis C. Houlis (houlis.com) aus Australien. Die Welt ist klein.
Das Resultat ist Teil eins einer Serie, die in loser Folge unter dem Titel "Neulich im Sport-Universum" laufen soll. Stoff gibt's genug.
10. September 2009
Was Caster Semenya alles fehlt
Eine Frau ohne Uterus und ohne Eierstöcke und eingewachsenen Hoden ist – eine Frau? DAS hier meldet der Daily Telegraph in Australien (via Deadspin) über die 800-Meter-Weltmeisterin Caster Semenya aus Südafrika:"Untersuchungen, die während der Weltmeisterschaft in Berlin im letzten Monat durchgeführt wurden, wo Semenyas Geschlecht nach ihrem Sieg über 800 Meter das Thema einer aufgeheizten Debatte wurde, haben ergeben, dass sie ein Hermaphrodit ist. Jemand mit männlichen und weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Semenya, 18, produziert das Dreifache an Testosteron, was eine "normale" Frau erzeugen würde. Nach Angaben einer Person, die in die Untersuchungen der IAAF involviert ist, ergaben unterschiedliche Prüfungen, dass sie in ihrem Bauchraum über Hoden verfügt, männliche Geschlechtsorgane, die Testosteron produzieren."
Der Verband wird sich schwer tun, den Fall auf eine kluge Weise zu lösen. Es gibt offensichtlich nicht mal klare Regeln wie etwa beim Doping, die festlegen könnten, wo die Grenze zu einem unfairen Vorteil für einen sogenannten Intersex-Athleten erreicht ist. Seit 2005 wurden wohl – meistens in aller Stille – acht Leichtathleten abgehandelt, vier von ihnen wurden vom Verband gebeten, ihre Karriere zu beenden.
Blick zurück: Mit Windeln wedeln
25. August 2009
Mit Windeln wedeln
Man kann ja noch den Vater verstehen, der ihre Windeln gewechselt hat und der einem Bericht auf bild.de zufolge eine Geburtsurkunde vorweisen kann, auf der ihr Geschlecht mit "weiblich" angegeben wurde. Aber das Echo auf den Vorgang beim Deutschen Ärzteblatt ist schon bizarr. Die Untersuchung einer Sportlerin auf ihr Geschlecht leiste "einer Diskriminierung von Sportlern Vorschub", schrieb ein nicht genannter Autor, nachdem er sich ein paar Zeilen zuvor auf die Vorstellung eingetaktet hatte, die biologisch fundierte Einkreisung der Frage, ob jemand männlich oder weiblich sei, wäre "für den Sport unerheblich".
Mit der gleichen Begründung könnte man natürlich auch sagen: Dopingkontrollen diskriminieren. Auch sie haben etwas Entwürdigendes, wenn die Sportler vor den Augen des Kontrolleurs ihren Urin lassen müssen. Man könnte dann gleich noch weiter gehen und sagen: Auch Qualifikationsnormen diskriminieren. Gewichtsklassen und das Wiegen vorm Kampf diskriminieren. Auch die unterschiedlich guten Trainingsbedingungen diskriminieren. Warum baut die IAAF nicht in allen Ländern hervorragende Stadien und Anlagen, um den Wettbewerb zu entzerren? Auf diese Weise kommt man ziemlich schnell auf die schiefe Ebene hin zum Absurden.
Es gibt angesichts des aktuellen Fallbeispiels aber auch Beschwerden entlang einer feministischen Gedankenkette. So las ich bei Jens Weinreich den Kommentar der Kollegin Barbara Klimke von der Berliner Zeitung, deren Anmerkungen in dem Satz endeten: "Männer aber mussten sich nie in Frage stellen lassen." Das war ein Anwurf aus dem Gedankenkreis der alten Fairness-Debatte, die entstand, als Frauen sich gegen erhebliche Widerstände ihren Platz im gesellschaftlichen Alltag erkämpfen mussten.
Das Argument hätte sicher mehr Gewicht, wenn Frauen im Sport so wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch an den Wettbewerben der Männer teilnehmen würden. Aber solange sie – anders als bei den Ärzten und Anwälten, Lehrern und Journalisten – eine eigene Leistungskategorie für sich in Anspruch nehmen wollen, klingt das nicht gut. Sie wollen schlechteren Sport abliefern dürfen und wollen dafür mit eigenen Medaillen und Geldprämien gefeiert werden, aber Kriterien für diesen Sonderstatus nicht akzeptieren. Nach dieser Lesart wäre es also in Ordnung, wenn in Zukunft Männer an den Frauenwettbewerben teilnehmen und eine Aufklärung über ihr Geschlecht mit dem Hinweis verweigern, das verletze ihre Würde. Auch das wäre absurd.
Das Thema wäre nur halb so interessant, wenn sich nicht eine Denkart im Sport verselbständigt hätte, die aus der Zeit vor der Professionalisierung stammt. Damals konnte man noch auf den Gleichheitsgrundsatz pochen. Aber heute – im Zeitalter einer kompletten Kommerzialisierung – sollte man mit solchen Forderungen etwas vorsichtiger hantieren. Es ist eine simple Tatsache, dass Frauensport (abgesehen von den Einzelsportarten Tennis und Golf) alleine wirtschaftlich gar nicht überleben könnten. Sie werden von den Männern subventioniert, wie man bei der WBNA im Basketball unschwer nachvollziehen kann. Die erste Frauenfußball-Liga in den USA ging vor ein paar Jahren pleite, nachdem sie 50 Millionen Dollar Anfangskapital durch den Schornstein gejagt hatte. Dabei wurden die Spielerinnen keineswegs exorbitant bezahlt. Das Problem waren die fehlenden Zuschauer und die fehlenden Fernseheinnahmen und die fehlenden Sponsoren. Warum fehlten die? Weil sie sich nicht im gleichen Maße für Sport auf einem schlechteren Leistungsniveau interessieren wie für die Top-Kategorie.
Der Fall Semenya taugt deshalb eigentlich nur zu einem – zu einer redlichen Selbstbefragung: Ist man für den subentionierten Frauensport mit Leistungen zweiter Klasse, um auf diese Weise möglichst vielen Frauen eine Chance zu geben, sich zu exponieren? Oder ist man für den ehrlichen Sport, bei dem Frauen gegen die Männer antreten und dann auch nicht mehr befürchten müssen, dass man sich für ihren Chromosomensatz interessiert?
Wer für die erste Variante ist, sollte nicht über den Umgang mit Frau Semanya jammern, sondern lieber lesen, was die BBC heute berichtet: Es gab schon vor der WM Hinweise auf extreme Testosteron-Werte bei der Guten, die womöglich einen anderen Schluss nahelegen: einen stinknormalen Fall von Doping. Nicht zu unterschlagen: Der verantwortliche Trainer für die süddafrikanischen Frauenleichtathletik ist ein gewisser Dr. Ekkart Arbeit, der in der DDR für jene Form der Leistungsförderung verantwortlich war, deren Opfer noch heute unter den Folgen leiden.
Wer die zweite Variante will, muss sich übrigens nicht grämen. Es gibt eine Reihe von Sportarten, in denen Frauen den Männern Paroli bieten können.
9. August 2009
Wie man mit dem Abmahnen von Journalisten das Ende der Pressefreiheit einläutet
Die Arbeit der beiden Instutionen greift bisweilen recht nuanciert und lehrreich ineinander. So wie neulich, als die Flut der Empörung angesichts zahlreicher Fehler in einem Artikel der Times-Fernsehkritikerin über die soeben verstorbenen Fernsehikone Walter Cronkite anschwappte. Die besagte Fernsehkritikerin, die fast in jedem Artikel einen Bolzen schießt und mittlerweile einen eigenen Korrektor zur Seite gestellt bekam, mag eine liebenswürdige Dame mit allerlei lesenswerten Ansichten sein. Sie verfügt allerdings über ein Defizit, das im so genannten "Qualitätsjournalismus" normalerweise zum Arbeitsplatzverlust führt: Sie weiß nicht, was sie nicht weiß.
Der Public Editor, der mit bürgerlichem Namen Clark Hoyt heißt, ist kein scharfer Hund. Er formuliert milde und abgewogen. Weshalb sein Resümé der Cronkite-Affäre besonders vernichtend klang: Sieben sachliche Fehler in einem Artikel, die allesamt korrigiert werden mussten, brachten ihn dazu, der Redaktion folgende Worte ins Stammbuch zu schreiben: "Eine Fernsehkritikerin mit einer Geschichte von Fehlern hat hastig geschrieben und versäumt, ihre Arbeit zu überprüfen. Und Redakteure, die aufmerksam sein sollten, waren es nicht." Ein Kinnhaken allererster Güte.
Clark Hoyt ist allerdings kein Mann, der nur in eine Richtung austeilt. Heute verteidigte er den jungen Reporter Michael S. Schmidt, der seit einer Weile für das Blatt die Dopingthemen beackert und der nach einer ersten Enthüllung über die bis heute offiziell anonym gehaltenen positiven Testresultate der Baseballprofis aus dem Jahr 2003 uns mit dem Namen Sammy Sosa versorgen konnte. Vor zwei Wochen legte er nach und benannte Manny Ramirez und David Ortiz. Die Enthüllung nervt den scheidenden Chef der Spielergewerkschaft, in dessen Büro die Dopingresultate unter Verschluss lagen, ehe die gegen Barry Bonds ermittelnde Staatsanwaltschaft die Akten beschlagnahmte. Also schoss Donald Fehr wenige Tage später gegen den Journalisten und die Zeitung. Informationen zu veröffentlichen, die vom zuständigen Richter zur Verschlusssache erklärt worden waren, sei kriminell.
Hoyt hat sich mit der Frage beschäftigt und unter anderem Rechtsgelehrte aus dem verfassungsrechtlichen Spezialgebiet Meinungsfreiheit konsultiert, ein Themenkomplex, der in den USA unter Bezug auf den ersten Artikel in der Verfassung meistens als "first amendment" etikettiert wird und über die Jahrhunderte einen sehr viel rigoroseren höchstrichterlichen Katalog an relevanten Präzedenzfällen produziert hat als die sechs Jahrzehnte Bundesrepublik mit ihrem Grundgesetz-Artikel 5. Die Ansicht der zitierten Juristen ist unstrittig: Die Medien haben das Recht zu recherchieren. Und sie haben das Recht zu publizieren. Eine Frage, die Schmidt mit dem Hausjuristen vor Veröffentlichung vermutlich hinreichend abgeklärt hatte.
Es ist gut, wenn hinter Journalisten Institutionen stehen, die es ihnen nicht nur finanziell ermöglichen, ihre Arbeit zu leisten, sondern die auch in heiklen Rechtsfragen nicht gleich die weiße Fahne schwenken. Was mich zu einem jüngeren Fall in Deutschland bringt, der einmal mehr zeigt, dass ohne eine solche Rückendeckung und ohne eine substanzielle Unterstützung von Reportern und Autoren das Berichterstattungsrecht und der Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen ausgehöhlt wird. Und zwar mit der Keule des Rechtsmittels.
Der Fall betrifft Jens Weinreich, freier Journalist und als kenntnisreicher und kritischer Archivar der Doping- und Korruptionsaktivitäten im Sport bekannt. Weinreichs juristische Auseinandersetzung mit DFB-Präsident Theo Zwanziger, die mit einer Meinungsäußerung in einem Blog begann, wirde hier im Blog hinreichend belegt. Sie wurde sogar von den etablierten Zeitungen aufgegriffen und illustrierte dabei, wie ein mächtiger Verband seine Muskeln spielen lässt, wenn ihm die Worte eines Journalisten nicht gefallen. Dabei schlug Zwanzigers Anwalt formaljuristisch die Taktik der einstweiligen Verfügung ein (womit er allerdings nicht durchkam). Der eigentliche Effekt der Attacke bestand jedoch darin, den Gegner wirtschaftlich zu treffen. Denn der brauchte nun ebenfalls einen Anwalt und viel Zeit, um sich um die Angelegenheit zu kümmern. Der Streit ist inzwischen beigelegt und kann als Beispiel für das Entstehen eines handfesten Solidargefühls unter deutschen Blog-Lesern gelten. Denn Weinreich erhielt hinreichend Spenden, um zumindest die Anwaltskosten decken zu können.
Der neue Angriff auf seine Arbeit geht über eine artverwandte, aber genau betrachtet etwas andere Schiene. Diesmal wurden ihm aus derselben Kanzlei, die schon Zwanziger vertreten hatte, zwei Unterlassungserklärungen zugestellt, verbunden mit den branchenüblichen finanziellen Forderungen, die sich zusammen auf rund 1500 Euro belaufen. Ein Ausläufer der PR-Kampagne der Eisschnellläuferin Pechstein.
Rechtsformal geht es diesmal um Tatsachenbehauptungen und nicht um eine Meinungsäußerung, aber das macht in der Substanz keinen Unterschied. Wieder schicken die Anwälte keine Briefe, wie sie vielleicht im normalen Miteinander einer Gesellschaft üblich wären, Briefe, in denen einfach eine Richtigstellung einer womöglich falschen Tatsachendarstellung verlangt wird oder man sich im Namen eines Mandanten auf das Presserecht beruft, in dem ein Recht auf Gegendarstellung verankert ist. Nein. Wieder geht es in der Attacke offensichtlich auch darum, den Journalisten wirtschaftlich zu treffen. Der soll der Kanzlei die Arbeit bezahlen.
Das deutsche Abmahnrecht, das in seinen historischen Wurzeln aus dem Wettbewerbsrecht stammt, aber inzwischen immer häufiger auf den Arbeitsalltag der Medien angewandt wird, ist der Quell dieses Übels. Denn es gefährdet viel mehr als nur die Arbeit von Sportjournalisten, die sich mit Dopern beschäftigen. Es gefährdet die Arbeit von Journalisten und Verlagen, die eine öffentliche Aufgabe haben und im Rahmen dieser Arbeit durchaus Fehler machen. Warum? Vieles an der Arbeit ist hektisch und steht unter dem Druck, aktuell und schnell die Informationen zu liefern. Wenn sich die Verlage dann nicht vor oder hinter die Reporter stellen, die ihnen diese Arbeit zuliefern, und wenn sie glauben, deren wirtschaftliches Risiko sei mit dem bisschen Zeilenhonorar bereits gedeckt, werden wir auf Dauer eben nicht solche nützlichen Einrichtungen wie die Korrekturen-Spalte erleben und nicht solche Männer wie Clark Hoyt, sondern nur noch fleißige Anwälte, die ihr Kanzleisekretariat mit Abmahnungen auf Touren halten, und Journalisten, die angesichts der Bedrohung verstummen.
6. August 2009
Doping-Fall in der NBA: Zehn Spiele Sperre
Die NBA sperrt Doper für zehn Spiele. Zum Beispiel Rashard Lewis von den Orlando Magic, der soeben bei einem Test mit dem Steroid-Precursor DHEA aufgefallen ist. Lewis verteidigt sich mit dem Spruch, wonach das ohne jede Absicht passiert sei. Die Substanz habe sich in einem normal im Geschäft verkauften Mittel befunden. Die NBA-Doping-Strafenliste sieht so aus: Erster Verstoß – zehn Spiele Sperre, zweiter Verstoß – 25 Spiele Sperre, dritter Verstoß – ein ganzes Jahr (via Deadspin)
30. Juli 2009
Olympisch fern sehen
In Deutschland stand dieser Reflex zwar jahrzehntelang offiziell auf der schwarzen Liste, weil dadurch die unfrohe Erinnerung an das na(r)zis(s)tische Debakel wach gerufen wurde. Aber ausgerottet wurde er nicht. Er tobte sich nur – gut kaschiert – in anderen Segmenten des gesellschaftlichen Alltags aus.
Im Sport zum Beispiel, wo man sich mit einer Fußballnationalmannschaft identifizieren kann, die tradionell zu den besten der Welt gehört und die Mythologie mit dem “Wunder von Bern” bereichert hat. Wo man bei Olympischen Spielen seit den denkwürdigen Tagen von Berlin 1936 im Medaillenspiegel zwar nicht mehr mit den Übermächten wie den USA, Russland (vorher UdSSR) und neuerdings China Schritt halten kann, aber sich notgedrungen auch an Disziplinen begeistert wie Synchron-Turmspringen oder Dressurreiten.
Der Faszinationsmechanismus funktioniert vermutlich so ähnlich wie bei den Modeweinen, die immer etwa fünf Jahre lang brauchen, bis sogar die Frau an der Kasse im Supermarkt weiß, welche Sorte man trinken muss, um als Kenner zu gelten. Nach weiteren fünf Jahren haben sich alle den immer gleichen Geschmack leidgetrunken. Im Sport haben wir uns auf diese Weise eine Zeitlang an Tennis besoffen. Und dann an Skispringen. Radrennfahrer waren auch mal penetrant populär. Dieser Tage erreicht die Abwärtsbewegung in der Geschmackskurve gerade solche Kuriositäten wie Boxen und Biathlon. Nicht schlimm: Die Triathleten stehen bereit. Snowboarder könnten Lücken schließen.
Die Beispiele zeigen, dass Spitzensport jenseits der etablierten großen Ligen in wenigen Mannschaftssportarten weltweit trendabhängig ist und von der Hand in den Mund lebt. Das Fernsehen leistet einen erheblichen Teil in der besinnungslosen Verwertungs- und Verwurstungskette: Es schüttet Geld in die Maschine und erzeugt Aufmerksamkeit. Dieser Mechanismus ist mitverantwortlich für die Bereitschaft von Athleten zum Doping und zum Betrug und für den Zynismus der Hintermänner, die ein idealtypisches Bild von einem sauberen Sport auf die Fahnen geheftet haben, das sich naiven Sponsoren aus der Industrie verkaufen lässt, die die Medienpräsenz von Sport als Vehikel für ihre eigenen Geschäfte nutzen.
Da ist es nachgerade absurd, dass ausgerechnet die Gebührenzahler des öffentlich-rechtlichen Fernsehens solche Netzwerke mit ihrem Geld füttern. Genauso wie die Tatsache, dass das nach eigener Einschätzung so anspruchsvolle öffentlich-rechtliche Fernsehen keine Distanz zum Thema Sport herstellen kann, sondern sich lieber als Transmissionsriemen von Interessen einspannen lässt, die in einem effektiv unkontrollierbaren, immer häufiger auf Pump in Milliardengrößenordnungen basierenden, grenzenüberschreitenden Kartell das Unterhaltungsbedürfnis der Massen bedienen.
Aber weil es an der notwendigen Distanz fehlt, darf man sich über das Lamento nicht wundern, das Bernd Gäbler in seiner neuesten Kolumne bei stern.de aufgreift (siehe Das Schachem um die Olympiarechte). Da beklagen sich Vertreter des Gebührenfernsehens doch tatsächlich darüber, dass das IOC ihnen nicht mehr einfach für vergleichsweise kleines Geld die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2014 und 2016 überlässt. Die Olympiabosse hatten nämlich das Lizenzpaket, das sonst immer geschlossen an die European Broadcasting Union (EBU) ging, einem Makler in die Hand gedrückt, der mit jedem einzelnen Land Verträge abschließen darf und nun hofft, dass die ARD, das ZDF und die BBC im Wettbewerb mit Privatsendern wie SAT1, RTL oder Sky mehr bieten als sie bisher gezahlt haben.
Was bei den Beschwerden stets untergeht, ist die Frage: Wer leidet eigentlich wirklich darunter, sollten die öffentlich-rechtlichen Sender dabei den Kürzeren ziehen? Die Sportler, die in den Glanzsportarten hinreichend Geld verdienen und in Deutschland obendrein in einem beachtlichen Umfang vom Steuerzahler als Soldaten oder Polizisten alimentiert werden? Oder vielleicht die Zuschauer, die womöglich nicht mehr wochenlang von morgens bis abends zäh dahinzappelnde Veranstaltungen mit Athleten aus 200 Ländern geboten bekommen, die keiner kennt (die Athleten nicht und auch nicht die Länder)? Die Modernen Fünfkämpfer und andere Exoten, die sowieso niemand wahr nimmt? Oder leidet am Ende doch nur das Selbstverständnis der Programmverantwortlichen, die nicht von alten Gewohnheiten lassen können? Wozu in Deutschland die absurde Sondersituation gehört, dass man nicht ein Team, sondern gleich zwei komplette Reporter-, Redakteur- und Technik-Teams an die Veranstaltungsorte schickt – von ARD und ZDF.
Was hat das mit dem eingangs erwähnten Bauchnabel zu tun, um den in Deutschland bei solchen Themen gekreist wird? Das Betrachten desselben füttert ein falsches Selbstwertgefühl und fördert Verzerrungen in der Einschätzung der wahren Verhältnisse. Nur so lässt sich die Warnung von ARD-Programmdirektor Volker Herres erklären (zitiert nach Gäbler): “Sollte es zu einem Verlust der Fernsehrechte an den Olympischen Spielen kommen, würde dies zahlreiche, vor allem kleinere Sportarten, entwerten. Wir würden unser Engagement zwischen den Spielen für jede Einzelsportart überprüfen.” Da fragt man sich: Warum so lange warten? Warum wird nicht bereits jetzt überprüft? Oder anders: Warum wurde es nicht schon vor Jahren getan?
Dass es dem IOC um viel Geld geht, ist spätestens seit 1984 klar, als die Spiele von Los Angeles erstmals in der Geschichte der Spiele enorme Überschüsse erwirtschafteten. Dass Superstars die Plattform bevölkern dürfen, um Publikum neugierig zu machen, wurde 1992 etabliert, als das Dream-Team der USA den Rest der Welt mit attraktiven Basketball an die Wand spielte. Die Veränderungsprozesse gehen weiter. Wozu gehört, dass inzwischen das ganze antiquierte olympische Sammelsurium aus Kanu und Judo, Segeln und Tontaubenschießen nur noch dann als medienrelevant wahrgenommen wird, wenn es Event-Charakter bekommt. Auch das ist nicht neu. An dem Rad haben die Öffentlich-Rechtlichen doch gerade in Deutschland bis zum Erbrechen selber gedreht –mit den Klitschkos und anderen Import-Boxern aus Ländern, in denen die ARD und das ZDF von niemandem empfangen werden. Wenn das Gebührenfernsehen eine Chance auf Neubesinnung im Umgang mit Sport hätte, dann jetzt. Jetzt, da ihm vom IOC die kalte Schulter gezeigt wird. Dazu müsste man aber den Kopf nach oben bringen und nach vorne schauen. Am besten in die Zeit nach 2016. Wenn die Olympischen Spiele unter der Last des eigenen Größenwahns zusammenfallen.
(Dieser Text ist gleichzeitig bei carta.info erschienen, dem Autoren-Blog für Politik, Medien und Ökonomie, der in Berlin produziert wird und vor ein paar Wochen mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Redaktion & Autorschaft ausgezeichnet wurde.)
22. Juli 2009
Pfusch mit dem Alter: DNA-Tests schaffen Klarheit
Auf den ersten Blick wirken solche Tests wie eine gute Sache. Aber juristisch gibt es da ein Problem: die Geninformationen gehören zur Privatsphäre und obliegen dem Datenschutz. Mehr in einem ausführlichen Bericht in der New York Times von heute (via The Big Lead, wo das Thema als "gefährlicher Tanz" aufgebauscht wurde). Im Grunde geht es um nichts anderes als bei den Dopingregeln auch. Die greifen weit über das Übliche im normalen gesellschaftlichen Alltag in die Privatsphäre ein und verstoßen dabei sogar gegen einen im Alltag geltenden Rechtsgrundsatz, wonach erst einmal ein begründeter Verdacht vorliegen muss, ehe die Sanktionsautorität ermittelt. Für den Dopingbereich wurde der Grundsatz festgezurrt: der Athlet muss bei den Kontrollen mitmachen, sonst kann er nicht mitmachen. Leistungssport ist schließlich freiwillig. Genauso wurde das Prinzip verankert, wonach der Athlet für den Befund in seinem Körper verantwortlich ist, ganz egal ob die Substanzen mit Absicht, aus Versehen oder ganz ohne seinen umittelbaren Einfluss in diesen Körper gelangt sind.
In der Welt der amerikanischen Baseball-Profis wird man vermutlich die Nachricht über das DNA-Thema mit Widerwillen und bösen Vorahnungen quittieren. Man erinnere sich: Die Befunde aus der anonymisierten ersten Doping-Kontrollphase wurden am Ende von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, obwohl die Sportler sich nur unter der Prämisse hatten testen lassen, dass die Resultate anonym bleiben.
Davon abgesehen, was hindert eigentlich den Internationalen Turnverband und das IOC, solche Tests auch bei den chinesischen Turnerinnen vorzunehmen, die ganz offensichtlich bei den Olympischen Spielen gegen die Altersregeln verstoßen haben?
11. Juni 2009
Die Hügel der Maulwürfe sind unübersehbar
Natürlich dient die Ereigniskette in erster Linie einem politischen Zweck: Die etablierten Medien zeigen den nachwachsenden jungen Medien bei einer solchen Gelegenheit gerne, dass sie das Verantwortungsbewusstsein in Person sind und weit davon entfernt wären, Gerüchte welcher Art auch immer in die Welt zu streuen. Aber mal abgesehen davon, dass die Etablierten viel und lange schlafen, wenn es um kritische Berichterstattung geht und darüberhinaus ebenso gerne Gerüchte fabrizieren, gibt einem diese Auseinandersetzung das Gefühl, dass sich die tektonischen Platten verschieben. Niemand wäre gezwungen gewesen, das Thema überhaupt zu vertiefen oder aufzuwerten. Aber in diesen Tagen, in denen Zeitungen schließen oder Stellen abbauen, kann man sich offensichtlich nicht mehr leisten, heiße Eisen nach Wunsch zu ignorieren. Denn so viel steht fest: Die Frage, ob Ibanez gedopt ist und ob die Tests in der Baseball-Liga wirklich viel bringen, ist legitim.
11. Mai 2009
Red Sox: Doping-Tipps vom Doktor?
Natürlich dauert es manchmal Jahre, bis irgendjemand einen Beitrag leistet, um den Schleier zu lüften. Den Fall haben wir jetzt im Baseball in Boston (dem ehemaligen Club von Manny Ramirez), wo man immer so tut, als besäße man keine schmutzige Unterwäsche. Interessant: Nicht, dass (wie jetzt herauskommt) ein Arzt den Spielern der Red Sox ganz offensichtlich Informationen gegeben hat, wie sie mit Nadeln und Spritzen umgehen müssen, wenn sie sich Anabolika geben. Sondern mit welcher Wucht vom ehemaligen Red-Sox-Chefmanager zurückgeschlagen wird. Statt darum zu bitten, dass die Sache gründlich untersucht wird, um angesichts einer nicht von der Hand zu weisenden Doping-Epidemie weitere Belege dafür zu sammeln, wie es zu einer solchen Entwicklung kommen konnte, wird einfach so getan, als könnte es das nicht gegeben haben: Doping-Beratung von Ärzten. Man kann davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine Vorneverteidigung von Leuten aus den oberen Abteilungen der Baseball-Hierarchie handelt, die ganz gewiss immer genau gewusst haben, was los war, die aber damals alles getan haben, um die Seuche zu beenden, und jetzt Angst vor etwaigen harschen Reaktionen aus der Öffentlichkeit haben.
19. März 2009
Gold, Silber, Bronze und das alte Eisen
Klingt gewagt, wird aber immer wahrscheinlicher. Erstens weil dieser Sportarten-Mix hundert Jahre nach der Erfindung der Mischung nur noch sehr wenig mit der Interessenlage des Publikums zu tun hat. Man kann zwar so tun, als ließe sich an Turnen oder Leichtathletik oder Eiskunstlauf im Vier-Jahres-Turnus hinreichend Interesse erzeugen. Aber dabei handelt es sich um Selbstbetrug. Würden die Olympischen Spiele über Eintrittsgelder im Stadion oder in der Halle finanziert, wäre diese Traumvorstellung vielleicht noch eine Weile länger gestattet. Aber die Spiele werden von Sponsoren und Fernsehgeldern getragen (und refinanziert durch Werbeinnahmen, die aus den Kassen der gleichen Sponsoren kommen). Und diese Firmen wollen einen ROI, einen return on investment. Und was bekommen sie statt dessen? Einen Wasserkopf plus zahllose von Verbänden organisierte quasiindustrielle Trainingskomplexe, die alle immer teurer werden, aber weder den olympischen Gedanken noch das Interesse an sportlichen Wettkämpfen fördern.
Das liegt zum einen daran, dass in den Gewölbekellern dieser Strukturen die Termiten hausen: die Manipulateure, die mit Geld (Stichwort: Korruption) und mit Chemie (Stichwort Doping) den Ausgang der Ereignisse beeinflussen. Und es liegt zum anderen daran, dass die olympische Idee aus einem Vielnationen-Europa stammt, in dem es eine jingoistische Rivalität der großen Länder gab, die im Sport ein Ventil für ihre kriegslüsterne, menschenverachtende, politische Grundeinstellung sah.
In der Zeit des Kalten Kriegs wurde diese Rivalität ein letztes Mal zum Spannungsfaktor für Sport, als zuerst die Sowjetunion die Hegemonie der Altmächte in Frage stellte und dann die DDR mit einer effizienten Leistungsfabrik, wie es sie noch nie gegeben hatten, den alten Amateurbegriff endgültig aushebelte. Die hohe Zeit wurde übrigens von Leichtathletikländerkämpfen markiert, die zwei Tage lang dauerten und riesige Stadien füllten. Sport als Symbol und Identifikationsszenario für den Wettstreit der Systeme — ja, das hatte noch was. Das machte Lust auf mehr.
(Empfehlenswert: dieser Ausschnitt aus der amerikanischen Wochenschau von 1962 zum Wettkampf zwischen den USA und der UdSSR in Stanford, der an zwei Tagen zusammen 150.000 Zuschauer auf die Beine brachte. Ab 2:18 Min.)
Schauen wir nach vorne und malen wir uns aus, was uns wohl in der Zukunft Lust auf mehr machen wird, kommt man ganz bestimmt nicht auf Leichtathletik oder Schwimmen, die beiden Kernelemente der Sommerspiele. Man kommt eigentlich auf gar nichts. Was nicht weiter schlimm sein sollte. Das hat es schon immer gegeben, dass Strukturen und Organisationsweisen verschwinden, die eine Zeitlang überhaupt nicht wegzudenken waren. Der Adel, der vor hundert Jahren noch das Heft in der Hand hatte, ist heute nur noch so eine Art Deko. Der real existierende Sozialismus, der einst unverrückbar und machtvoll schien, ist zerkrümelt. Kolonien wurden in die Unabhängigkeit entlassen und könnten, wie etwa im Falle Indiens, noch eines Tages ziemlich groß raus kommen. Und dass die neue Generation der Oligarchen (egal aus welchem Land) am Ruder bleibt, darf man bezweifeln. Denn bei denen handelt es sich nicht um nützliche Mitglieder des Sozialverbands, sondern um Parasiten, die notfalls mit purer Brutalität ihre Machtstellung behaupten.
Warum dieses Traktat heute und an dieser Stelle? Weil im IOC der Verteilungskampf um ein knappes Gut begonnen hat – das liebe Geld – und weil die wichtigen Leute auf beiden Seiten schon mal die Schienbeinschoner angezogen haben. Dieser Kampf markiert den Anfang vom Ende.
9. März 2009
Doping: Chambers erzählt, wie's war
Einer der gedopten Sportler aus Contes Kundenkreis, der britische Sprinter Dwain Chambers, hat inzwischen sein eigenes Buch publiziert und erzählt davon, wie er sich vollpumpte. Chambers wurde gesperrt und musste seine Siegprämien zurückzahlen. Am Wochenende in Turin wurde er Europameister in der Halle über 60 Meter. Aber der Fall geht in die zweite Runde. Chambers hat in dem Buch zugegeben, was ihn die Doping-Mast kostete: 30.000 Dollar im Jahr. Ein happiger Kostenansatz in der Kalkulation, aber wiederum nicht so hoch, als dass er sich angesichts der Erfolge nicht auch wirtschaftlich rechtfertigen ließe. Angeblich will der Internationale Leichtathletikverband IAAF sich noch mal mit der Akte Chambers beschäftigen.