25. Januar 2007

"Die tägliche Sportschau"

Es gibt Tage wie diese: Da schreibt einer der Pioniere der Sportbloggerei - "kurz und schmerzlos" - nach einer langen, verdächtigen Sendepause, er habe "weder Zeit noch die rechte Motivation", um sein Schaufenster in die grosse weite Welt länger offenzuhalten und jeden Tag neu zu dekorieren. Leodator von Wortwelt hatte sich lange Zeit von Berlin aus ausgiebig mit einer enormen Bandbreite des Sports beschäftigt, darunter auch dem amerikanischen Sektor und hier insbesondere dem Baseball. Das war alles sehr lesenswert. Nun meint er: "Alles hat ein Ende..."

Leodator heißt mit richtigem Namen Jörg Leopold. Und unter diesem Namen schreibt er auch weiter: beim Tagesspiegel für den Blog Heimvorteil, wo es vor allem um hauptstädtische Geschichten geht. Seine Online-Präsenz dort signalisiert unter anderem: Immer mehr Mainstream-Medien nehmen Blogger ernst und bieten ihnen eine Plattform. Das kann so schlecht nicht sein. Laut alexa kommt der Tagesspiegel auf rund 30 000 Besucher am Tag, hängt meistens die Seite der Berliner Zeitung mit knappem Vorsprung ab (berlinonline.de) und muss sich überhaupt nicht hinter den Quoten von faz.net und sueddeutsche.de verstecken. Will sagen: Mainstream-Blogger haben Publikum (und hoffentlich am Ende des Monats eine vernünftige Honorarüberweisung auf ihrem Konto).

Was die Etablierten dank ihrer Markenpräsenz und Stammleserschaft können, ist für einen einzelnen Menschen auf eigene Faust kaum zu schaffen. Das weiß jeder, der bloggt. Aber vermutlich brennt in fast allen diese klitzekleine Hoffnung, dass sie irgendwann (bald) trotzdem auf eine respektable Einschaltquote kommen. Nicht unbedingt so hoch wie die des erfolgreichsten Sportblog in den USA. Denn in diesem Land leben 300 Millionen Menschen, und die Internetsättigung ist bedeutend größer (Deadspin kommt auf fast doppelt so viele Leser wie die Online-Ausgabe des Tagesspiegel). Aber ein paar tausend am Tag wären schließlich schon nicht schlecht, denkt der Blogger. Dream on....

Wie gesagt, es gibt Tage wie diese: An dem beschäftigt sich eine Publikation wie die taz ausführlich und so positiv mit American Arena, dass man denkt: dieses Blog-Experiment scheint auf einem guten Weg. Der Text wurde im Ressort Leibesübungen in der neuen Rubrik wir besprechen blogs mit dem Titel Die tägliche Sportschau publiziert und wurde vor einer Weile online gestellt. Hier ist das Link.

Die Frage, die Autor Markus Völker aufwirft - "Warum macht sich einer diese Arbeit? Wieso investiert er derart vehement in dieses unprofitable Unternehmen?" - wird er sicher noch vielen stellen, wenn er sich in dieser neuen Serie - hoffentlich bald - mit den einflussreichsten Figuren der Sportblogger-Szene beschäftigt, mit Oliver Fritsch von indirekter-freistoss.de und Kai Pahl von allesaussersport, auf deren Antworten ich auch sehr gespannt wäre.

Kommentare:

Oliver Fritsch hat gesagt…

Zunächst mal danke für die Blumen. Außerdem möchte ich mich - erneut - dem Lob für american arena anschließen: Ich lese Ihren Blog, lieber Jürgen Kalwa, jeden Tag und weise meine Freunde oft darauf hin. Der Knaller in der letzten Zeit war die Super-8-Aufnahme vom Nürburgring, die Sie auf Google Video für uns ausgegraben haben.

Zu Ihrer Frage: Tja, warum mach ich das? Alles für den deutschen Fußball! Alles fürs eigene Profil, lautet die schon weniger idealistische Antwort. Doch der Weg vom Profil zum Profit scheint in der Tat kein leichter.

Jedenfalls hab ich ein paar renommierte Kollegen gewonnen, die in Kürze mit mir bloggen werden, denn in der Tat ist dieses neue Medienformat in Deutschland unterschätzt. Demnächst mehr aufm freistoss.

Oliver Fritsch

Pek hat gesagt…

Ich bin über den taz-Artikel auf Ihren Blog aufmerksam geworden. Bis vor kurzem konnte ich mit Blogs im Allgemeinen kaum was anfangen. Verirrte man sich mal in einem, stand da eigentlich nur drin, wie schlecht die Welt ist.

Das es neben der Leidenschaft auch Professionalität und Unterhaltung in Blogs gibt, ist überraschend und erfreulich. Diese Erfahrungen habe ich jedenfalls bei bildblog und allesaussersport gemacht und jetzt hier schon wieder. (Viel mehr dieser Zeitfresser sollte ich auch nicht mehr entdecken).

Kurz gesagt, ich bedanke mich für Arbeit! Ich denke, Sie haben Recht. Für die Sinnfrage ist es beim deutschen Publikum noch zu früh. Dazu müssten sich Angebot und Nachfrage ja erstmal kennenlernen. Alleskonsumierende Sportfanatiker wie mich, gibt es genug. In irgendeiner Form wird sich Qualität dann auch bezahlt machen. Wenn nicht über den Blog selber, dann doch über Dinge, wo ein Preis drunter steht.

Wie auch immer, ich freue mich auf Ihre neuen Artikel und in der Zwischenzeit habe ich hier auch noch einiges aufzuholen.

Pek

kurtspaeter hat gesagt…

Auszug einer Mail von mir an Jürgen Kalwa zum Thema:

"Zumindest für jemanden wie mich, der völlig ohne journalistischen oder Informatik-Hintergrund an die Geschichte rangeht und auch Stunde um Stunde, Tag für Tag an der Gestaltung arbeitet, ist es ein unvergleichlicher Spaß und ein Riesengewinn, das der Austausch sportbegeisterter Menschen so einfach möglich ist.
Denn allein durch Sportberichterstattung innerhalb des kleinen Zirkels mehr oder weniger beachtenswerter Print- oder TV-Medien lässt sich Einblick und Fortbildung in sämtlichen (Sport)-Gebieten nicht bewerkstelligen.
Fachlich habe ich in 15 Jahren amerikanischem Sportinteresse nicht annähernd soviel Überblick gehabt, nicht annähernd soviel gelernt wie in den circa 2 Jahren, in denen ich Leser von Kai Pahl, von Jörg Leopold oder von Jürgen Kalwa bin.
Ich habe trotz langer Aktivenzeit nie eine solche Plattform des Fußballinteresses gehabt wie jetzt, wo man mit ähnlich gelagerten diskutieren kann und jeder seine Meinung zu seinem Verein und darüberhinaus hat.
Das allein macht die Blogwelt, unabhängig von dem eigenen Geschreibsel, profitabler als irgendwelcher materieller Gegenwert. (Der zumindest für mich unerreichbar sein wird, was so auch in Ordnung ist.)"
kurtspaeter (www.pfostenschuss.twoday.net)