20. Januar 2007

Eine Sportstadt ohne Fortüne

Die ARD kann nichts dafür, dass sie das erste der beiden Conference-Championship-Spiele (Chicago Bears gegen New Orleans Saints), das auf dem Papier das attraktivere ist, nicht übertragen kann. Die Entscheidung darüber, wer zuerst ran muss und wer danach, trifft die National Football League. Meistens ist die Ausgangssituation offensichtlicher. Da die Festlands-USA vier Zeitzonen haben, werden Begegnungen im Osten früher angesetzt und die im Westen später. Das Sportpublikum im Westen (und erst recht in Hawaii) ist sowieso gekniffen. Die NFL pfeift jeden Sonntag um 13 Uhr Eastern Standard Time eine ganze Latte an Matches an. In Kalifornien ist es dann erst 10 Uhr. Kalifornien ist zwar der Bundesstaat mit den meisten Bewohnern (rund 30 Millionen, plus/minus ein paar Millionen Illegale, die keiner zählt). Aber die überwiegende Zahl der mittlerweile 300 Millionen Amerikaner lebt in der östlichen Hälfte. Dort, wo der Profisport seine Wurzeln hat und wo ganze Generationen von Baseball- und Footballspielern über weite Strecken mit dem Zug unterwegs waren. In den Anfangsjahren waren Chicago und St. Louis "der Westen". Selbst in den fünfziger Jahren war Kalifornien reine Brache für die großen Ligen. Die Logistik war einfach nicht zu bewältigenden. Dazu gehörten auch Fernsehübertragungen live über Satellit. Die kamen erst Mitte der sechziger Jahre ins Bild und hatten am Anfang eine Reihe von Macken.

Aber auch in der Mitte des Landes hätte man in the good old days keine Mannschaft in Indianapolis haben wollen. Die Stadt liegt zwar zentral, hatte aber ein zu kleines Einzugsgebiet. Automobilrennen auf dem Motor Speedway wie die Indy 500 am Memorial Day Wochenende, das war etwas anderes. Dafür war die geographische Konstellation gerade richtig. Chicago liegt nur ein paar hundert Kilometer weit weg. Städte wie Columbus/Ohio und Louisville/Kentucky sind noch näher. In Indianapolis hat man irgendwann jedoch erkannt, dass man mit Sport die Wirtschaft einer langsam dahinsiechenden Stadt auf Trab bringen kann und sich angestrengt. Auf dem Vier-Kilometer-Oval an der 16th Street gibt es inzwischen die Brickyard 400 und den Grand Prix der Vereinigten Staaten der Formel-1-Fahrer. Seit 1980 hat die Stadt gleich viermal die Final Four im College Basketball ausgerichtet sowie mehr als ein Dutzend Olympia-Ausscheidungen und einmal die Panamerikanischen Spiele. Im Jahr 2002 fanden in Indianapolis die Basketball-Weltmeisterschaften statt, gefolgt von der Turn-WM im Jahr 2003 und der Schwimm-WM im Jahr 2004. Dazu gibt es die Heimspiele der Colts in der NFL und die der Indiana Pacers in der NBA.

Die Anhäufung von Sportereignissen geht auf einen Plan zurück, den Lokalpolitiker und Unternehmer in den siebziger Jahren entwarfen. Sie bauten erstklassige Sportanlagen und lockten Großveranstaltungen in die Stadt, um eine ökonomische Alternative für die marode örtliche Wirtschaft zu entwickeln. "Wir waren die ersten, die auf Sport gesetzt haben", sagte ein Sprecher der Indianapolis Convention and Visitors Association vor ein paar Jahren. Nicht schlecht für eine Möchtegern-Metropole, die zu ihren berühmtesten Söhnen den ehemaligen US-Präsidenten Benjamin Harrison und den Bankräuber John Dillinger zählt, dessen Grab auf dem riesigen Gelände des Crown-Hill-Friedhofs eine Besucherattraktion ist.

Die Sportanlagen sind das Entscheidende:
Es gibt nicht nur die 60 000 Zuschauer fassende Halle der Colts, sondern eine formidable Schwimmhalle, ein Velodrom sowie ein Tennis-Center und eine attraktive Basketballhalle. Indianapolis wurde Sitz der US-Sportverbände der Leichtathleten, Turner und Ruderer.

Die Anstrengungen haben zumindest vom äußerlichen Eindruck her die Innenstadt mit ihren etwas zu breiten und schnurgeraden Einbahnstraßen weitgehend wiederbelebt. Obdachlose sieht man nicht. Doch gleich hinter dem Speedway, der in der Sprache der Einheimischen "Brickyard" genannt wird, versickert jede Hoffnung auf eine umfassende Sanierung. Dort lebt ein Teil der schwarzen Bevölkerung von Indianapolis. In Reihenhäusern, die in vielen Fällen so verwahrlost aussehen, dass Passanten rasch den Satz von Bischof Garrott Benjamin begreifen, Indianapolis sei "eine der rassistischen Städte im Norden" der Vereinigten Staaten.

Und eine Stadt, die keine Meisterpokale produziert. Die Pacers kamen zwar einmal in NBA-Finale. Die Colts jedoch haben es (anders als zu jener Zeit als die Mannschaft noch in Baltimore zu Hause war) noch nie bis zum Super Bowl geschafft. Und das, obwohl die Mannschaft bestens besetzt ist. Quarterback Peyton Manning ist nicht der einzige herausragende Spieler. Der Trainerstab um Tony Dungy gilt ebenfalls als überaus fähig. Bessere Karten als in diesem Jahr wird das Team vermutlich nicht mehr bekommen. Man kann den Gegner in der AFC-Championship-Partie - die New England Patriots - in der eigenen Halle empfangen und muss nicht in das kalte Foxboro. Das heißt: Vor allem die Angriffspläne sollten auf dem Kunstrasenbelag bestens funktionieren. Sollten. Wer allerdings glaubt, die Patriots und ihr Gehirn, Trainer Bill Belichick, hätten nichts dagegen zu setzen, wird sich wundern. Das wird eine rasante Nacht.

Kommentare:

Helmar hat gesagt…

Peyton Manning, nicht Eli ;-)

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Danke für den Hinweis. Ist korrigiert.

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
olaf hat gesagt…

ich habe im hinterkopf, dass die colts in den nächsten jahre einen neue halle bekommen. stimmt das?

Jürgen Kalwa hat gesagt…

Ein neues Stadion mit Schiebedach ist in Bau. Der Steuerzahler muss bluten. Das Ding kostet fastet 700 Millionen Dollar. Die Namensrechte sind schon vergeben: Es soll Lucas Oil Stadium heißen. Mehr Informationen auf dieser Webseite: http://www.in.gov/iscba/faq/

Franz hat gesagt…

"...das auf dem Papier das attraktivere ist..." ?!?
Also diese Wahl habe ich ja wirklich sehr gerne, da beide Conf. Champ. Games einfach unglaublich sind. Aber Colts v. Pats, Belichick v. Manning, das kann man einfach nicht überbieten.